Aus eigener Erfahrung

vor kurzem wurde ich gefragt, ob ich einen kleinen Beitrag verfassen könnte, über tiergestützte Therapie, und warum uns – oder mir – das gut tut. Klar, hab ich gesagt, mach ich. Da kann ich aus eigener Erfahrung berichten; nun sitz‘ ich vor meinem Rechner und suche nach den richtigen Worten.

Was hat mir speziell gut getan? Ich erinnere mich genau – es war der 14. März 2012. Ich hatte ein Gespräch bei einem Verein von dem ich noch nie etwas gehört hatte. Camsin e. V. Dort arbeiten sie mit Pferden, tiergestützte Therapie oder so. Das klang schon mal vielversprechend – ich liebe Pferde. Das Wetter war diesig, grau in grau. Nach einem kurzen Gespräch wurde ich von einer der Therapeutinnen [Frau Franke] auf dem Gelände herumgeführt. Es nieselte und der Weg war aufgeweicht – und ich war begeistert. Mein erster Schritt in die richtige Richtung.

Als ich zu Camsin kam befand ich mich in einer Depression, die mich schon drei Jahre fest im Griff hatte. Ich verließ die Wohnung fast nie, sprach mit niemandem, ging nicht ans Telefon und lebte meistens nachts – das war sicherer, nachts schlafen alle, da kommt keiner vorbei und keiner ruft an. Ich sah nicht fern und hörte kein Radio, und manchmal war selbst die Stille zu laut. Man sagte mir, ich brauche Hilfe, aber das drang nicht durch. Das Leben an sich hatte jegliche Bedeutung für mich verloren – alles war sinnlos, Freude, Lachen, Spaß haben war für andere, nicht für mich. Die Jahreszeiten zogen an meinem Fenster vorbei und mein Zeitgefühl hatte sich in Luft aufgelöst. Erst gegen Ende des dritten Jahres konnte ich mich dazu durchringen anzuerkennen, dass ich es allein nicht schaffen würde. Ich suchte Hilfe – und bekam sie.

Heute geht es mir relativ gut. Relativ deshalb, weil ich noch auf dem Weg bin; noch bin ich nicht da, wo ich hin will, aber es geht vorwärts. Die Arbeit bei „meinem“ Verein, mit den Tieren und den Menschen, die sich einer großartigen Aufgabe verschrieben haben, hat mein Dasein wieder lebenswert gemacht. Wieder Freude am Leben zu haben, auch und gerade an Kleinigkeiten – diese überhaupt zu sehen – ist einfach großartig! Was bis vor kurzem undenkbar war, ist nun wieder möglich: sich Problemen zu stellen, Entscheidungen zu treffen, wieder auf andere Menschen zugehen können – und darüber zu schreiben! Und nicht mehr zusammenzuzucken, wenn es an der Haustür klingelt.

Tiergestützte Therapie hat mich verändert. Die behutsame, einfühlsame Arbeit der menschlichen Therapeuten, die ruhige und kraftvolle Präsenz der tierischen läßt mich viele Dinge in neuem Licht sehen. Manchmal bin ich noch unsicher, aber das gehört zum Lernprozess dazu. Genauso wie der ausgiebige Spaziergang mit meinem eigenen vierbeinigen Therapeuten, der bereits erwartungsvoll mit dem Schwanz wedelt.

Evelin Krumm