Betreuung von Demenzkranken

Kurzkonzept des Projektes „Lebenswelt – [statt Abstellgleis]“, 
Tagesbetreuung für mobile Demenzkranke

1. Idee

Unser Verein bietet seit vielen Jahren Alten- und Pflegeheimen ehrenamtlich einen
Besuchsdienst mit Kleintieren und Hunden. Dabei gab es erste Berührungspunkte
mit demenzkranken Bewohnern und die Konfrontation mit dem Problem der
Beaufsichtigung und Beschäftigung von mobilen Dementen. Auch im persönlichen
und beruflichen Bereich haben mehrere unserer aktiven Vereinsmitglieder einen
Bezug zu demenzkranken Menschen. In Gesprächen über das Dilemma, mobile
Demente vor Gefahren zu bewahren und andererseits das starke Bedürfnis dieser
Menschen, sich fortzubewegen und verschiedene Tätigkeiten ausüben zu wollen,
wurde uns die Tragweite dieses Konflikts für beide Seiten bewusst. Unsere
Erfahrungen in der tier- und naturgestützten Therapie sowie unser Fachwissen ließen
uns bald zu der einstimmigen Meinung kommen, auf diesem Gebiet eine Lösung zu
suchen. So entstand die Idee eines „Lebensparkes“, in dem sich die Dementen frei
bewegen und ihren verschiedenen Verrichtungen nachgehen können. Die Natur und
unsere Tiere sollen sie dabei unterstützen und ihr Wohlbefinden stärken. Da jeder
Demente in seiner ganz eigenen Welt lebt und dies bei uns auch darf und kann,
nennen wir das Projekt „Lebenswelt“.

2. Kostendeckung

Für die Betreuung der dementen Menschen stellen wir den Angehörigen /
Pflegenden / Einrichtungen je Teilnehmer 21,00 Euro je Stunde in Rechnung.
Ab 2 Stunden Aufenthalt ist ein Fahrservice inklusive.
Eventuelle Verpflegungskosten sind zusätzlich, Getränke wie Tee und Wasser
werden kostenlos gereicht.

Die Finanzierung dieses Angebotes ergänzen wir über die Förderung durch die
GFAW über den § 45c SGB XI niedrigschwellige Betreuungsangebote sowie über
Spenden von Sponsoren, Verbänden, Stiftungen u.s.w.. Ein Teil der
Betreuungstätigkeit erfolgt unter fachkundiger Anleitung ehrenamtlich.

Mit unserer Anerkennung für dieses niedrigschwellige Betreuungsangebot durch das
Ministerium für Soziales, Familie und Gesundheit können die Angehörigen von der
am 01.01.2013 in Kraft getretene Pflegereform profitieren, indem sie auf Antrag bis
200,- Euro pro Monat von den Pflegekassen für unser Angebot erstattet bekommen.
Da eine Demenz zunehmend nicht nur alte Menschen sondern auch Jüngere trifft, ist 2

in Einzelfällen auch eine Finanzierung im Rahmen des Persönlichen Budgets nach
SGB XII möglich.

3. Projektbeschreibung

Das Projekt „Lebenswelt – [statt Abstellgleis]“ ist eine stunden- bis tageweise
Betreuung von mobilen Demenzkranken. Dabei wird in jedem einzelnen Fall mit den
Angehörigen / Pflegenden vereinbart, wann, wie lange und wie oft der Demente
unser Angebot wahrnehmen soll, diese Vereinbarung ist flexibel gestaltbar und kann
den aktuellen Bedürfnissen des Dementen bzw. der Angehörigen / Pflegenden
jederzeit angepasst werden.

Ansatz: Demenzkranke Menschen, die körperlich relativ fit sind, haben meist einen
starken Bewegungsdrang und eine starke Unruhe. Sie leben in bestimmten Bildern
ihrer Erinnerung, die für sie real erscheinen statt dem Hier und Jetzt. Sie fühlen sich
zurück versetzt in einen Lebensabschnitt, z.B. ihre Berufstätigkeit oder sehen sich als
Kind, ihre Angehörigen wähnen sie vielleicht als Geschwister und Eltern. Sie meinen
nun, in dieser konkreten Erinnerung lebend, bestimmte Dinge erledigen zu müssen,
ohne sich in der heutigen Welt orientieren zu können sowie den Sinn bzw. Unsinn
verschiedener Handlungen in der aktuellen Situation zu verstehen. Damit bringen sie
sich unter Umständen in Gefahr sowie ihre Angehörigen bzw. Betreuer nicht selten
zur Verzweiflung. Das Nicht-Erledigen-Können ihres Vorhabens sowie die ständige
Konfrontation zwischen ihrer und der realen Welt ist für die Dementen ein schweres
psychisches Trauma, das sie zunehmend verständnisloser für ihre Umwelt und vor
allem für ihre Angehörigen werden lässt. Sie werden verbittert, aggressiv oder
introvertiert und unzugänglich für jedwede Kommunikation. Die notwendigen
Aufsichts- und Pflegemaßnahmen werden als eklatante Bevormundung empfunden
und passen nicht in das Selbstbild des Demenzkranken. Aus dieser Situation heraus
entsteht häufig ein enormes Gewaltpotenzial, das sich an den Angehörigen oder
Pflegenden in verschiedenen Erscheinungsformen entlädt. In diesem Prozess
entwickeln die Angehörigen ihrerseits Aggressionen, die sogar in Gewalt enden
können, ein „Teufelskreis“ entsteht. Mit unseren tiergestützten Interventionen und der
garten- und kunsttherapeutischen Betreuung der Dementen sowie ihrer Angehörigen
setzen wir dieser Gewaltspirale eine dauerhaft friedliche Lösung entgegen. Das neue
Pflegegesetz widmet sich ebenfalls diesem Problem und finanziert zusätzliche
Betreuungsleistungen für diese Klientel aus den Leistungen der Pflegekassen.

Das Projekt „Lebenswelt – [statt Abstellgleis]“ ermöglicht den Dementen eine
ungezwungene Bewegungsfreiheit in einem großen, naturnahen Gelände, auf dem
auch die verschiedensten Haustiere leben sowie Betätigungen in traditionellen
handwerklichen und bäuerlichen Bereichen je nach Wunsch angeboten werden.
Kernpunkt der Betreuung sind zum Einen die schier unendlichen Bewegungs-, Spiel-
und Beschäftigungsmöglichkeiten auf dem Gelände, zu denen die Tiere motivieren. 3

Die körperliche Bewegung im Freien stellt eine Art der Physiotherapie dar, durch die
der Stoffwechsel sowie körperliche Beschwerden verbessert werden. Viele ältere
Menschen leiden unter dem metabolischen Syndrom Übergewicht, Diabetes, hoher
Blutdruck. Dem wird durch die Betätigung wesentlich entgegengewirkt. Zu Hause
oder im Heim haben die Älteren diese Impulse zum Bewegen weniger, wodurch sich
Folgeerkrankungen oder Aggressionen einschleichen.

Ein Highlight in diesem Zusammenhang stellt unser Sinnesgarten dar, den die Ergo-
und Gartentherapeutin unseres Vereins in diesem Frühjahr mit vielen fleißigen
Helfern anlegt hat. Hochbeete, Kräuter- und Steingarten, Stauden sowie viele
Wildpflanzen laden zum Sehen, Riechen, Schmecken und Berühren und zum
Mitmachen ein

Zum Anderen haben die Tierbegegnungen, der direkte Kontakt zu ihnen sowie die
vielseitige Beschäftigung mit Pferden, Hunden, Kaninchen und sonstigen Kleintieren
eine enorm wohltuende und gesundheits- sowie kommunikationsfördernde Wirkung.
Tiere „denken“ genau wie Demenzkranke in Bildern, sodass auf dieser Ebene eine
Kommunikation entstehen kann. Den Tieren ist ebenfalls der größere Sinn
irgendeiner Handlung völlig egal, wenn sie nur für diesen Moment zu einem positiven
Ziel führt (Belohnung, Körperkontakt, Kommunikation), deshalb stellen sie die
Handlungen der Dementen nicht in Frage und nehmen sie so, wie diese gerade sind.
Sie begeben sich in die Welt der Kranken und kommunizieren dort mit ihnen. Die
nonverbale und hundertprozentig wertungsfreie Kommunikation von Tieren, die
immer direkt, unmittelbar, unverfälscht und eindeutig erfolgt, ermöglicht den Klienten
eine Kontaktaufnahme und Kommunikation vor allem auf der emotionalen Ebene. Sie
fühlen sich verstanden, angenommen sowie vor allem geliebt und anerkannt. Diese
seelische Befreiung und Befriedigung ihres menschlichen Bedürfnisses nach Nähe
und Zuneigung lässt die Klienten entspannter, glücklicher und damit auch gesünder
werden. Sie werden aus ihrer Resignation und Verbitterung geholt in ein zufriedenes
und für sie sinnerfülltes Leben.
Gleichzeitig leben die Tiere im Hier und Jetzt und bilden somit eine „Tür“ zwischen
der jeweiligen Welt des Klienten und der realen Welt. Die Betreuer und auch
Angehörigen können mit den Tieren als Mittler Kontakt zu den Dementen aufnehmen
und auf diese Weise das Verhältnis zwischen ihnen systematisch verbessern und
entlasten. Damit treten auch für die Angehörigen bzw. für Pflegepersonal ein
Entspannungseffekt und eine deutliche Erleichterung ihrer Betreuungsarbeit ein.
Dieses Potenzial wird bei Stress und Spannungen zwischen Angehörigen /
Pflegenden und den Demenzkranken von uns therapeutisch aufgegriffen und für eine
Entspannung sowie Kommunikationsförderung intensiv genutzt.

Auf Wunsch bieten wir für diese Problematik spezielle Therapieangebote an, in
denen neben Wissensvermittlung, Gesprächen und Entspannungsübungen unter
anderem auch Konfliktbewältigungsstrategien gelehrt sowie im Rollenspiel trainiert
werden. Dabei beziehen wir unsere tiergestützte Therapiemethode gezielt ein. 4

Bei schlechtem Wetter oder zur Entspannung werden wir mit den Klienten im
gemütlichen Sozialraum oder im beheizbaren Bauwagen entsprechend der
saisonalen Gegebenheiten basteln sowie Blumensträuße und –gestecke binden.
Eine unserer engagierten Ehrenamtlerinnen ist Porzellanmalerin und wird mit den
Klienten Gipsfiguren bemalen, eigene Türschilder beschriften und verzieren sowie
weitere kreative Angebote unterbreiten. Die Kunsttherapeutin in unserem Verein wird
hier regelmäßig in ehrenamtlicher Tätigkeit künstlerische Ideen umsetzen und die
Klienten mit therapeutisch wertvollen Beschäftigungen anregen und inspirieren. Wir
freuen uns ebenfalls über die Zusage einer Theaterpädagogin, die mit unseren
Gästen musizieren und singen wird.

Besonders wichtig ist uns das Vorlesen von Märchen und Geschichten, wofür wir
eine Journalistin und Autorin ehrenamtlich engagieren konnten. In zahlreichen
Empirien aus Modellprojekten wurde nachgewiesen, dass Märchen einen „Türöffner“
zur Emotionalität und Personalität von Demenzpatienten darstellen, indem mit ihnen
ein Zugang zum Langzeitgedächtnis geschaffen wird. Derzeit läuft ein
wissenschaftliches Forschungsprojekt „Es war einmal – Märchen und Demenz“ durch
die Evangelische Hochschule Berlin, Fachbereich Pflegemanagement. In dieser
werden veränderte Verhaltensweisen während und nach den Vorlesestunden
wissenschaftlich untersucht, vor allem typische Demenzerscheinungen wie
Aggression, Apathie, Depression oder auch Fluchtverhalten. Wir erwarten die
Ergebnisse mit Spannung und werden sie durch unsere Beobachtungen ergänzen.
Ein Entspannungs- und Wohlfühleffekt ist zusätzlich auf jeden Fall immer gegeben,
denn hier können unsere Klienten in Erinnerungen schwelgen, ihrer Fantasie freien
Lauf lassen, ein gemütliches Miteinander genießen und vor allem emotionale
Geborgenheit spüren.

Klienten, die mehrere Stunden bei uns sind, können sich in einem Ruheraum
ausruhen bzw. ihren Mittagsschlaf halten.

Insgesamt gestalten wir den Aufenthalt bei uns in jedem Detail so, dass eine
gesunde Lebensweise in allen Bereichen gefördert wird.

Verpflegung der Klienten: In Erfurt-Vieselbach erfolgt die Versorgung mit kleinen
mitgebrachten Zwischenmahlzeiten und Getränken in der Pension ViaRegia. Für ein
ggf. notwendiges Mittagessen werden wir mit einem Catering-Unternehmen
kooperieren, um diese Verpflegungsleistungen abzudecken. Tee und Wasser stellen
wir unseren Gästen ständig zur Verfügung.

Gruppenstärke und Betreuungsschlüssel: Wir haben eine Gruppenstärke von
maximal 6 Personen geplant, um die Individualität, Geborgenheit sowie persönliche
Freiheit eines jeden Klienten ohne Abstriche an die Sicherheit und Aufsichtspflicht zu
garantieren. 5

Dazu werden wir, je nach Symptomatik der Klienten und den jeweils geplanten
Beschäftigungsvorhaben, 1 bis 2 Fachkräfte sowie 1 bis 3 Ehrenamtler benötigen.
Der Betreuungsschlüssel variiert dementsprechend von 1:3 bis 1:1. Unabhängig von
der Teilnehmerzahl, also selbst bei 1 bis 3 Klienten, werden immer mindestens eine
Fachkraft und ein Ehrenamtler, also 2 Betreuungspersonen, vor Ort sein.

4. Räumlichkeiten und Erreichbarkeit

Unser Projekt führen wir am Standort Erfurt-Vieselbach in Kooperation mit der
Pension ViaRegia im Gewerbegebiet mit den angrenzenden Koppeln durch.

Der Standort ist unmittelbar durch Busse erreichbar, die Haltestelle befindet sich in
einer Entfernung von ca. fünf Minuten Fußweg. Er ist auch mit dem PKW gut
anzufahren. Unsere Klienten selbst werden entweder von den entsendenden
Einrichtungen, von Betreuern oder Angehörigen oder von unserem Fahrservice
geholt und gebracht.

Folgende Räume stehen den Klienten zur Verfügung:

  • 1 Sozial- und Gruppenraum,
  • 2 Ruheräume,
  • Sanitäreinrichtung mit Dusche und WC,
  • Teeküche, in der mitgebrachtes oder geliefertes Essen und Trinken auf Tellern bzw. in Tassen und Gläsern angerichtet wird sowie Geschirr in einem Geschirrspülautomat gereinigt wird.

Zusätzlich verfügen wir über einen Abstell- und Arbeitsraum, in dem neben Geräten,
Werkzeug sowie Bastelutensilien auch die Arbeitsschuhe und Arbeitskleidung
aufbewahrt werden. Für jeden Klient steht ein Spind zur Verfügung.

Auf dem Freigelände befinden sich ein beheizbarer Wohnwagen, eine überdachte
Sitzgarnitur sowie eine Trockentoilette.

5. Betreuungszeiten

Mit unserer Betreuungsleistung beginnen wir am 01.01.2014.
Wir bieten unser Angebot zweimal wöchentlich an, es kann stundenweise oder über
den gesamten Tag genutzt werden:

  • jeweils dienstags von 09.00 Uhr bis 17.00 Uhr sowie
  • samstags von 10.00 Uhr bis 15.00 Uhr.